Atia Sobhy SEKEM Fairtrade

Wirtschaft der Liebe – Interview zum Thema Fairtrade in Ägypten und SEKEM

In den meisten europäischen Supermärkten sind heutzutage Fairtrade-Produkte in den Regalen zu finden. Aber was genau bedeutet eigentlich fairer Handel? Welche Vorteile haben die Bauern tatsächlich? Und wie sieht Fairtrade in SEKEM aus? Atia Sobhy, Direktor der ägyptischen Farmers Development Association (FDA) und Verantwortlicher für die Zusammenarbeit mit der Fairtrade Labelling Organizations International e.V. (FLO) gibt im Interview mit den SEKEM News Antworten. Sobhy ist außerdem Direktor der Egyptian Bio-Dynamic Association (EBDA), die unter anderem für die Beratung und Schulung der biologisch-dynamischen Bauern in Ägypten zuständig ist.

SEKEM News: Fairtrade ist mittlerweile ein verbreiteter Begriff. Aber was sind eigentlich die Hauptunterschiede zwischen konventionell  und fair gehandelten Produkten?

Atia Sobhy: Fairtrade bedeutet, dass die Bauern für ihre Waren einen stabileren Preis bekommen, als er für konventionelle Produkte gezahlt wird. Zudem wird für jedes Produkt eine Fairtrade-Prämie gezahlt. Diese Prämie wird von der Fairtrade Labelling Organizations International e.V. (FLO) festgesetzt. SEKEM zahlt allen Bauern, die biologisch oder biodynamisch produzieren, eine 20-prozentige Prämie abhänig vom Marktpreis. Dieser Preis wird allerdings vor dem Anbau festgelegt – steigt der Preis zwischenzeitlich, wird er nach oben hin an angepasst. Fällt er in dieser Zeit bekommt der Bauer trotzdem den vorher vereinbarten Preis. Die zusätzliche Prämie für Fairtrade-Produkte wird beim Export zunächst auf das Konto der FDA überwiesen und anschließend in soziale Projekte investiert, um den Lebensstandard der Bauern und ihrer Familien zu verbessern.

“SEKEM erfüllt bei den meisten Rohwaren die Voraussetzungen für eine Fairtrade-Zertifizierung.”

SN: Wie hoch ist der Anteil von fairgehandelten im Vergleich zu herkömmlich gehandelten Produkten aus Ägypten?

A.S.: Zunächst einmal gibt es eine Liste von Produkten, wie beispielsweise Baumwolle, Orangen, Bananen, Kaffee oder Kakao, die unter Fairtrade-Bedingungen produziert werden können. Nur ca. 1 Prozent der exportierten Ware aus Ägypten ist fair gehandelt. Bei SEKEM lag der Anteil der Fairtrade-Erzeugnisse 2015 bei 1,4 Prozent. SEKEM erfüllt bei den meisten Rohwaren die Voraussetzungen für eine Fairtrade-Zertifizierung. Ob das Produkt dann allerdings mit einem Fairtrade-Siegel ausgezeichnet wird entscheiden die Händler aus Europa oder Amerika, die für die Erlaubnis, das Label auf ihrem Produkt zu drucken, zahlen müssen.

Stabile Preise, bessere Gesundheit und Fortbildungen

SN: SEKEM arbeitet mit über 500 Vertragsbauern in ganz Ägypten zusammen, die unter fairen Bedingungen biologische Landwirtschaft betreiben. Welche Vorteile bietet Fairtrade den Bauern in Ägypten konkret?

A.S.: Durch den stabilen Preis kann der Bauer besser planen und hat die Sicherheit, später nicht mit leeren Händen oder sogar Schulden dazustehen. Diese Praktik wendet SEKEM allerdings bei all seinen Bauern an, unabhänig davon, ob sie Fairtrade produzieren oder nicht. Außerdem wird auf jedes Produkt eine Fairtrade-Prämie gezahlt. Mit ihr werden Projekte wie beispielsweise der Bau von Kindergärten oder sanitären Anlagen finanziert aber auch der Einsatz von Wasserfiltern oder Sicherheitstrainings für die Bauern, sodass wir die Gesundheitsschäden in der Bevölkerung mindern können.

Workshop für die Vertragsbauern von SEKEM
Training für die Vertragsbauern von SEKEM.

SN: Wenn Fairtrade diese Vorteile bietet, warum verkaufen nicht alle Bauern ihre Produkte an Fairtrade-Unternehmen?

A.S.: Die Bedingungen für Fairtrade sind, vor allem für einzelne Bauern mit kleinen Höfen und Feldern, kompliziert. Sie müssen sich zuerst zu einem Verbund zusammenschließen und sich offiziell registrieren. Außerdem müssen sie ein Konto bei der Bank einrichten, was für die Analphabeten unter den Bauern eine weitere Hürde darstellt. Anschließend müssen sie sich bei FLO registrieren. Viele internationale Händler sind zudem nicht bereit, den höheren Preis für Fairtrade-Produkte zu zahlen. Es fehlt schlichtweg die Nachfrage. Es gibt also viele Hürden auf dem Weg zur Fairtrade-Produktion. Aber auch hier versuchen wir als FDA die Bauern so gut es geht zu unterstützen, beispielsweise durch Alphabetisierungskurse.

“Unser großes Ziel ist es, bei den Bauern ein Bewusstsein für nachhaltige Landwirtschaft zu fördern.”

SN: Fairtrade unterstützt also Menschen und Gesellschaft. Gibt es denn auch positive Auswirkungen auf die Agrarwirtschaft in Ägypten, die mit dem fairem Handel einhergehen?

A.S.: Auf jeden Fall. Es gibt gewisse Standards, die bei der Herstellung von Fairtrade-Produkten eingehalten werden müssen. Es dürfen beispielsweise keine Chemikalien oder Pestizide verwendet werden, die der Umwelt schaden. Die Bauern lernen, mit biologischen und umweltverträglichen Mitteln ihre Felder zu bestellen und machen somit eine nachhaltige Landwirtschaft möglich. Mit den Fairtrade-Prämien wird auch die Landwirtschaft gefördert, unter anderem durch die Erforschung umweltverträglicher Anbaumethoden, die Anschaffung von Maschinen oder durch Schulungen für die Bauern, die ihnen helfen, ihre Felder effizienter zu bewirtschaften. Unser großes Ziel ist es, bei den Bauern ein Bewusstsein für nachhaltige Landwirtschaft und die daraus resultierenden positiven Effekte zu fördern.

Atia Sobhy auf dem Feld
Atia Sobhy besucht die Vertragsbauern von SEKEM auf ihrem Feld.

SN: Inwiefern werden bei Fairtrade auch die lokalen Bedingungen berücksichtigt? Beispielsweise in Ägypten der schonende Umgang mit Wasser?

A.S.: Es gibt bestimmte Bedingungen, die für den Anbau von Nahrungsmitteln gelten. Nehmen wir das Beispiel Reis, der viel Wasser braucht. In manchen Gebieten, wie in der Nähe vom Nil oder dem Nildelta, darf Reis angebaut werden. In Oberägypten ist dies nicht erlaubt, da es dort vorwiegend Sandboden gibt. Das hat aber nichts mit Fairtrade zu tun, sondern gilt für alle Bauern in Ägypten.

SN: Was bedeutet Fairtrade für die gesellschaftliche Entwicklung eines Landes?

A.S.: Wir versuchen, den Lebensstandart der Bauern und ihrer Familien durch den fairen Handel zu verbessern. So werden auf Fairtrade-Bauernhöfen gleiche Löhne für Männer und Frauen gezahlt, es gibt keine Kinderarbeit und es herrscht Religionsfreiheit. Ein großes Problem ist nach wie vor die hohe Zahl von Analphabeten, die wir versuchen zu reduzieren. Es ist für einen Analphabeten nahezu unmöglich, die Kosten für seine Produktion zu berechnen und zu kalkulieren. Mit den sozialen Prämien für Fairtrade-Waren bauen wir beispielsweise Kindergärten durch die es den Eltern erst ermöglich wird arbeiten zu gehen, ohne dabei ihre Kinder zu vernachlässigen.

Wirtschaft der Liebe

SN: Wie sieht das in SEKEM aus – erfüllen alle Firmen der SEKEM Holding als Ganzes die Kriterien von fairem Handel oder beispielsweise nur einzelne Produkte?

A.S.: Nicht alle Produkte der SEKEM Holding werden als Fairtrade-Produkte gehandelt. SEKEM wären in der Lage, mehr Produkte mit einer Fairtrade-Zertifizierung zu versehen aber das hängt, wie schon erwähnt, von den Händlern ab, die die Ware importieren. Momentan werden vor allem Kräuter, Gewürze, Kartoffeln und Erdnüsse mit Fairtrade-Zertifikat exportiert.

SN: SEKEM nennt den fairen Handel auch „Economy of Love“. Was sind da die Unterschiede zu Fairtrade?

A.S.: Mit dem Begriff „Economy of Love“ möchte SEKEM ausdrücken, dass es beim Handel mit den Bauern nicht nur um den größtmöglichen Profit geht, sondern ein sozialer und respektvoller Umgang miteinander im Vordergrund steht. Die Bauern, die Abnehmer und SEKEM bilden sozusagen eine “Schicksalsgemeinschaft” – geht es einem schlecht dann geht es allen schlecht. Durch dieses solidarische Denken möchte SEKEM ein assoziatives Wirtschaften ermöglichen, von dem alle Teilnehmer der Wertschöpfungskette profitieren. Für SEKEM bedeutet “Economy of Love” im Endeffekt, dass ein fairer Preis bezahlt und der Bauer nicht den Marktspekulationen oder der Profitgier von Unternehmen ausgesetzt wird. „Economy of Love“ ist SEKEMs Bezeichnung für Fairtrade.

Vertragsbauer von SEKEM auf seinem Feld
Ahmed, ein Vertragsbauer von SEKEM auf seinem Feld in Fayoum.

SN: Wie oft muss eine Fairtrade-Zertifizierung erneuert werden?

A.S.: Die Zertifizierung muss jedes Jahr erneuert werden. Dafür besucht ein Mitarbeiter von FLO die Bauernhöfe und kontrolliert, ob die Standards von Fairtrade eingehalten werden. Auch überprüft er, was mit den Prämien geschieht und ob sie wirklich den Bauern zu Gute kommen und in welche Projekte sie investiert wurden.

“Es muss ein weltweites Bewusstsein entstehen, dass mit dem zusätzlichen Geld für Fairtrade-Produkte etwas Gutes geschieht.”

SN: In der Öffentlichkeit entsteht oft das Bild, dass die Preisdifferenz zwischen fair gehandelten und konventionellen Produkten nicht immer im vollen Umfang an die Bauern weitergegeben wird. Warum ist das so bzw. wie ist das bei den ägyptischen, fair gehandelten Produkten?

A.S.: Sie können sich sicher sein, dass wir jeden einzelnen Euro, den wir durch die sozialen Prämien einnehmen, den Bauern in Form von sozialen Projekten zukommen lassen. Die FDA besteht aus 53 Bauernhöfen, die für SEKEM produzieren. Wenn in einem Jahr nur bestimmte Produkte als Fairtrade-Waren exportiert werden, die nicht alle Bauern in der FDA produzieren, profitieren trotzdem alle Bauern in der Vereinigung davon. Für die Verteilung der Prämien wird ein Plan erstellt, in dem die Bedürfnisse aller Bauern in der FDA berücksichtigt sind. Wenn wir beispielsweise in dem einen Jahr zehn Sanitäranlagen auf Bauernhöfen errichtet haben, werden im nächsten Jahr zehn weitere Bauernhöfe mit Toiletten und Duschen ausgestattet, egal, ob sie Fairtrade zertifiziert wurden oder nicht.

SN: Könnte der Handel noch fairer gestaltet werden und falls ja, wo könnte man ansetzen?

A.S.: Wir versuchen natürlich immer das Beste aus dem uns zur Verfügung stehenden Geld zu machen und die Bauern wo es geht zu unterstützen. Aber das reicht bei weitem nicht aus, um sich dem westlichen Lebensstandard anzunähern. Natürlich könnten die Regierungen auch festlegen, dass beispielsweise zehn Prozent der eingeführten Waren fair gehandelt sein müssen. Aber was bringt das, wenn die Konsumenten weiterhin die günstigeren, konventionellen Lebensmittel kaufen und die Fairtrade-Produkte in den Regalen stehen bleiben? Ich glaube, viele Leute in der westlichen Welt können sich gar nicht vorstellen, unter welchen schlechten Bedingungen die Bauern hier oder auch in anderen armen Ländern leben. Es muss ein weltweites Bewusstsein entstehen, dass mit dem zusätzlichen Geld für Fairtrade-Produkte etwas Gutes geschieht.

Interview: Nils Daun

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